Mit ‘Werte’ getaggte Artikel

Wer schult denn nun die Mitarbeiter von morgen zu Werte- und Moralthemen?

Mittwoch, 10. Februar 2010

von Axel Gloger

Angesichts der Nachwirkungen der Krise könnte es ein neues Wachstumsgeschäft geben: Werte-Schulungen für Mitarbeiter und Führungskräfte.

Aber Pustekuchen. Diesen Markt gibt es bis heute nach meiner Einschätzung nicht. Sogar jene Spieler, die auf Moral, Ethik und Werte als Kernkompetenz rekurrieren, nutzen keineswegs den Rückenwind des Moral-Trends für ihr Angebot.

Sie treten den an Werten interessierten Managern der Post-Krisen-Ökonomie mit fast leeren Händen gegenüber – eigentlich ein Armutszeugnis: Per Ende Oktober 2009 meldet das Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik (DNWE) überhaupt keine Veranstaltungen für die Zukunft.

Bei der Konkurrenzorganisation Ethikverband e.V. sieht das Angebot ähnlich mau aus. Eine einzige Veranstaltung gab es Anfang November, das Symposium „Die Welt des Vermögens“, danach nichts mehr, keine Vorträge, keine Seminare.

Damit haben die beiden Verbände eine große Chance verpasst – im Getümmel der Krise hätten sie sich als Hilfsposten für all jene aufstellen können, die im Management mehr wollen als noch höhere Renditezahlen zu produzieren.

Aber die Praxis in den Unternehmen lässt dieses Verhalten offenbar nicht zu. Moral ist zwar wieder ein Thema – für Fachartikel des Personalleiters und Sonntagsreden des Vorstandes, so scheint es zumindest.

Denn im Alltag regieren immer noch die alten Vorgaben, Gewinn und Marktanteil sind alles. „Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem Geforderten und dem, was gelebt wird“, sagt Integritätscoach Johannes Grassl. Zwar hätten die meisten Unternehmen tolle Wertekataloge. „Aber sie werden nicht umgesetzt“, kritisiert der Berater aus Blaibach.

Dieselbe Erfahrung hat auch HHL-Studentin Sabrina Noack in ihren Praxisphasen gemacht. „Die Standards stehen auf dem Papier, aber keiner setzt sie um.“ In den Unternehmen gehe es sehr oft nur um Performance, für kurzfristige operative Erfolge werde alles getan, die Moral freilich bleibe dabei meist auf der Strecke.

Wertekommission: “Im Alltag ist keine Zeit für wertorientiertes Verhalten”

Freitag, 22. Januar 2010

von Axel Gloger

Werte und Moral finden im Alltag kaum statt. Das fanden die Verantwortlichen der Wertekommission in einer Studie heraus.

Ihr Ergebnis: „Mehr als zwei Drittel der jungen Führungskäfte erleben keine werteorientierte Führung durch das Top-Management“, lassen die Autoren Mathias Bucksteeg und Kai Hattendorf, beide Vorstandsmitglieder der Wertekommission, in ihrer Führungskräftebefragung 2009 verlauten (506 Befragte, Alter zwischen 26 und 40).

Mitschuld an dieser fatalen Lage ist die Unternehmenskommunikation. Dass die interne und externe PR für einen Transport von Werten sorgt, konnten nur 34 Prozent der Befragten bestätigen.

Einige Detailzahlen liefern einen tiefen Blick in die gequälte Seele des Managers: Durch den Druck des Alltags wird er gezwungen, moralische Werte wie Rechtschaffenheit, Fairness und menschliches Maß an der Firmentüre abzugeben.

Die Antworten auf die Fragen der Wertekommission lassen keinen Zweifel – werteorientiertes Verhalten wird blockiert durch:

o „Verhalten des Chefs“ sagen 38 Prozent
o „deutliche Profitorientierung“ sagen 36 Prozent
o „drohenden oder beführchtetem Personalabbau“ sagen 30 Prozent
o „Differenzen zwischen den eigenen Werten und den offiziellen Zielen des Unternehmens“ sagen 29 Prozent (Mehrfachnennungen)

Es hat sich also seit den Tagen von Bertold Brecht nichts geändert.

„Wie ihr es immer dreht und immer schiebt – erst kommt das Fressen, dann die Moral“, lässt Brecht den Gaunerchef Mackie Messer auf die Frage antworten, wovon der Mensch lebe.

Dieses Zitat stammt immerhin aus dem Jahr 1928, als Brechts Dreigroschenoper zum ersten Mal aufgeführt wurde; die Grundmotive im Werk des großen Schriftstellers sind die, die auch heute noch gelten: der immer hefigter werdende Konkurrenzkampf und die zunehmende Härte im menschlichen Umgang.

Auch die heutigen Manager müssen fressen, dafür werden sie durch den Drill des BWL-Studiums ausgebildet.

Es geht immer erst einmal darum, dass auf dem Gewinn- und Verlustkonto die Seite mit den Erlösen mehr Euro ausweist als die Seite mit den Kosten. An diesem Streben wird auch der Harvard-Eid nichts ändern. „Der Schwur ist ein nettes Symbol, nicht mehr“, sagt Professor Jürgen Weibler von der Fernuniversität Hagen, der die Werteorientierung in einigen Analysen untersucht hat.

Moral im Management: Jetzt soll ein Eid alles richten

Freitag, 15. Januar 2010

von Axel Gloger

Endlich ist es so weit, mit dem zurück liegenden Crash der Weltwirtschaft kam das bereinigende Gewitter, das längst fällig war: Die Übertreibungen sind vorbei, die Gier ist abgestraft, die Schurken sind entlarvt.

Gaunermethoden im Management laufen nicht mehr, das ewige „noch mehr“ ist allenthalben verpönt, die ständig nur Gewinn maximierende Business-Community ist geläutert. Die allgemeine Einsicht lautet: „So geht es nicht weiter.“ Der Manager von morgen ist ein Gutmensch.

Das alles strebt zumindest die Harvard Business School an. Die Krise hat sie zum gebrannten Kind gemacht. Der Großversorger der Chefetagen mit CEO-Kandidaten gibt sich neuerdings moralfreundlich. Absolventen der so traditions- wie einflussreichen Manager-Ausbildunsstätte treten jetzt zum Schwur an:

Ein Eid auf das Gute soll die Exzesse, an der Harvardianer in der Vergangenheit an führender Stelle beteiligt waren, künftig verhindern.

Der Manager, so sieht es die Selbstverpflichtung vor, dient ab sofort höheren Zielen. Die gnadenlose Jagd nach dem Gewinn ist nicht mehr: „In meiner Funktion als Manager diene ich in erster Linie dem gesellschaftlichen Gemeinwohl“, heißt der erste Satz des Gelöbnisses. Es verpflichtet Führungskräfte auf einen Weg, der langfristig den gesellschaftlichen Nutzen des Unternehmens steigern solle, sagt die Präambel des Schwurs. Der Absolventenjahrgang 2009 war der erste, der den Eid ablegte.

Damit, so scheint es, brechen endlich menschliche Zeiten im Management an.

Moral marschiert in den Arbeitsalltag der Führungskräfte. „Die Krise ist die Chance, Soll und Ist endlich zur Deckung zu bringen“, sagt Johannes Grassl, Deutschland-Chef der Leaders Integrity Foundation (LIF), einer Organisation, die sich des Themas Werte und Moral in der Praxis angenommen hat.

Auch manche deutsche Business School will der Harvard-Universität nicht nachstehen:

Manager, die wie hochgezüchtete Bluthunde nur nach der höheren Rendite jagen, soll es so nicht mehr geben.

Das sagt zumindest Prof. Christopher Jahns, Präsident der European Business School (EBS): „Der ehrbare Kaufmann ist bei uns nicht erst seit der Krise wieder ein Leitbild.“ Dieser Rhetorik folgen neuerdings Taten; die Kommilitonen der im Herbst gestarteten Master-Studiengänge werden nach ihrem Examen ebenfalls einen Eid ablegen, der sie im Beruf auf die guten Taten verpflichtet. Der Wortlaut ähnelt dem von Harvard: „Das Unternehmen, das ich führe, muss dem Allgemeinwohl dienen“, so soll es zum ersten Mal im Jahr 2011 aus den Kehlen der EBS-Abgänger tönen.

Meine Einschätzung aus Trendletter-Sicht: Der Eid ist in erster Linie ein PR-Feuerwerk. Die rechte Botschaft zur rechten Zeit. Wir haben verstanden, wir sind geläutert, so die Botschaft. Nur: In der Praxis werden diese Verkündungen nicht viel ändern. Schwarze Schafe werden auch in Zukunft ihre Machenschaften treiben.

Beruhigend nur: Die große Mehrzahl der Manager und Unternehmer hat schon immer einen guten Job gemacht – auch ohne Schwur. Wir sollten nicht vergessen, dass die Verantwortlichen für Enron, Siemens, das Swissair-McKinsey-Debakel und andere Großkrisen dieser Art immer Einzelerscheinungen waren.

Werte, Moral, Regeln: Ein Schwur zum Abschluss des BWL-Studiums ist kaum die richtige Lösung / Entscheidend ist die Praxis im Firmen-Alltag

Dienstag, 24. November 2009

von Axel Gloger

Endlich ist es so weit, mit dem zurück liegenden Crash der Weltwirtschaft kam das bereinigende Gewitter, das längst fällig war: Die Übertreibungen sind vorbei, die Gier ist abgestraft, die Schurken sind entlarvt. Gaunermethoden im Management laufen nicht mehr, das ewige „noch mehr“ ist allenthalben verpönt, die ständig nur Gewinn maximierende Business-Community ist geläutert. Die allgemeine Einsicht lautet: „So geht es nicht weiter.“ Der Manager von morgen ist ein Gutmensch.

Das alles strebt zumindest die Harvard Business School an. Die Krise hat sie zum gebrannten Kind gemacht, der Großversorger der Chefetagen mit CEO-Kandidaten gibt sich moralfreundlich. Absolventen der so traditions- wie einflussreichen Manager-Ausbildunsstätte treten jetzt zum Schwur an: Ein Eid auf das Gute soll die Exzesse, an der Harvardianer in der Vergangenheit an führender Stelle beteiligt waren, verhindern.

Der Manager, so sieht es die Selbstverpflichtung vor, dient ab sofort höheren Zielen. Die gnadenlose Jagd nach dem Gewinn ist nicht mehr: „In meiner Funktion als Manager diene ich in erster Linie dem gesellschaftlichen Gemeinwohl“, heißt der erste Satz des Gelöbnisses. Es verpflichtet Führungskräfte auf einen Weg, der langfristig den gesellschaftlichen Nutzen des Unternehmens steigern solle, sagt die Präambel des Schwurs. Der Absolventenjahrgang 2009 war der erste, der den Eid ablegte.

Allerdings ist die Frage erlaubt, welchen Sinn der Eid hat. Denn auch in der Vergangenheit haben die meisten Manager verantwortungsbewusst gehandelt. Manager und Unternehmer haben ganz überwiegend einen guten Job gemacht – sonst stünden etwa die deutschen Unternehmen auf den Weltmärkten nicht so gut da.

Die Krise ist von einer kleinen Minderheit ausgelöst worden – von Regel-Übertretern und Moral-Verletzern. Diese wird auch ein Eid nicht bremsen, denn schwarze Schafe wird es immer geben. Ich sehe es deshalb als Aufgabe des Unternehmens von morgen an, die schwarzen Schafe auszusortieren, bevor sie größeren Schaden anrichten können.

Ich kenne gut geführte Unternehmen, auch Mittelständler, die deshalb a) einen Katalog an Compliance-Regeln eingeführt haben und b) dafür sorgen, dass dieser auch eingehalten wird. Beispiele für diese vorbildliche Praxis lieferte mir Prof. Frank Ohle, CEO der STI-Group, einem der europäischen Marktführer im Geschäft mit Display-Kartons sowie Michael Schädlich, der noch bis 2010 als CEO des Türschließer-Herstellers Dorma (Weltmarktführer) amtieren wird.

Was tun diese Unternehmen? In klaren, einfachen Regeln beschreiben sie einen Korridor des erwarteten Verhaltens. Überdies wird auch deutlich beschrieben, wo die Grenzen dieses Korridors liegen. Ohne die Mitarbeiter mit Misstrauen zu überziehen, wird überdies dafür gesorgt, dass es ein wachsames Auge gibt, das dafür sorgt, dass die Regeln eingehalten werden.